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Deutschland und Europa schauen auf das Gräberfeld von Kobern-Gondorf

Informationen des Kuratoriums für Heimatforschung und -pflege Kobern-Gondorf

von Rudolf Schäfer, Kuratorium für Heimatforschung und -pflege Kobern-Gondorf

Seit Jahren befindet sich in Kobern-Gondorf an der Römerstraße ein Trümmerhaufen von eingerissenen Häusern, wo eigentlich ein Supermarkt entstehen soll. In den vergangenen 1 ½ Jahren fanden hier archäologische Ausgrabungen statt. Von den Archäologen werden die vermuteten 2000 – 3000 Gräber aus der Zeit der Spätantike bis zum frühen Mittelalter von höchstem historischem und kulturellem Wert angesehen. Viele Fachleute und Gemeinden in Deutschland aber auch in ganz Europa beneiden uns Kobern-Gondorfer um dieses einmalige Kulturgut. Es wäre unverzeihlich, die Gräber mit kostbaren Beigaben und Grabsteinen aus 7 Jahrhunderten zu zerstören. Es soll nicht versäumt werden, den Koberner Bürgern die Bedeutung dieses Kulturgutes, das in ihrer Erde ruht, zu verdeutlichen und eine positive Einstellung zum Denkmalschutz herbeizuführen.

Das Kuratorium für Heimatforschung und –pflege (siehe Fotos vom 13.04.2013) informiert sich immer wieder über den Stand und die Ergebnisse der Ausgrabungen und möchte zur sachlichen Aufklärung beitragen.

Bild 1 Gräberfeld - Informationen vor Ort

Bild 2 Gräberfeld-Informationen vor Ort

Wer könnte besser von einigen wichtigen Ergebnissen der Ausgrabungen berichten als die dort arbeitenden Archäologen selbst.
In der Fachzeitschrift „Archäologie in Deutschland" (AiD) haben drei Aufsätze des Archäologen Dr. Cliff A. Jost, Generaldirektion Kulturelles Erbe, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz für Aufsehen gesorgt.

„Supermarkt zerstört bedeutendes Gräberfeld“

In der Moselgemeinde Kobern-Gondorf (Kreis Mayen-Koblenz) liegt das bekannte Gräberfeld von Gondorf mit dem bis zu 4.000 Gräbern umfassenden Friedhof des spätantiken und frühmittelalterlichen »vicus Contrua«. Dem überregional bedeutenden Platz droht nun durch einen großen Einkaufsmarkt die weitgehende Zerstörung. Bei einer kleinen Testgrabung wurde den Verantwortlichen vorgeführt, wie komplex die Befunde sind mit Gräbern, die dicht nebeneinander und in mindestens vier Schichten übereinander liegen. Der Supermarkt soll trotzdem gebaut werden (AiD 2/2014, S. 50f.).
Inzwischen wurden die bei der Testgrabung im Block geborgenen Funde in der Restaurierungswerkstatt präpariert. Einem um 600 n.Chr. verstorbenen Krieger hatte man seinen Leibgurt mitgegeben. Daran befestigt waren das Schwert (Sax), das Messer und eine Tasche mit alltäglichen Gebrauchswerkzeugen. Am ursprünglich etwa 5 cm breiten Ledergürtel saßen drei große, verzierte Beschläge aus Bronze: eine Schnalle mit ovalem Schnallenbügel samt dreieckigem Scharnierbeschlag, ein dreieckiger Gegenbeschlag und ein quadratischer Rückenbeschlag. Schnallen- und Gegenbeschlag sind mit einem Korbflechtmuster und ursprünglich je fünf Nietköpfen aus Bronze verziert. Der viernietige Rückenbeschlag trägt eine kreuzförmig gegliederte Verzierung, die mittig ein Flechtkreuz und daneben vier weitere kleine Kreuzzeichen erkennen lässt. Vermutlich darf man sie als christliche Symbole deuten.

Vergleichbare Gürtelgarnituren sind aus den fränkischen Gräberfeldern im Rheinland nur in wenigen Exemplaren bekannt, darunter ein Altfund aus Gondorf, der sich heute im Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin befindet. Häufiger sind sie in der Normandie und der Region um Paris. Das spricht für eine Herkunft der Garnitur oder ihres Besitzers aus dem nordwestfranzösischen Raum".

Dr. Cliff A. Jost, Generaldirektion Kulturelles Erbe

Bild 3 - Bronze-Gürtelgarnitur

Gondorf. Im eingegipsten Block geborgene bronzene Gürtelgarnitur mit Sax (einschneidiges Kurzschwert) und Kleinwerkzeugen aus einem fränkischen Männergrab um 600 n.Chr.

GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz, D. Bach

Bild 4 Gräberfeld - 3-teilige bronzene Gürtelgarnitur

Gondorf. Dreiteilige bronzene Gürtelgarnitur wohl importiert aus dem Westen des Frankenreichs. Der ovale Schnallenbügel (nach hinten geklappt) und der dreieckige Schnallen- und Gegenbeschlag sind mit einem mitgegossenen Korbflechtmuster verziert, der quadratische Rückenbeschlag mit Kreuzornamentik. Länge des Schnallen- und Gegenbeschlags 9,6 cm, Breite der Schnalle 6 cm.

GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz, M. Neumann

„Genageltes Schuhwerk in römischem Grab“

Auf dem linken Moselufer, nördlich der alten Ortslage von Gondorf, dem merowingischen Contrua, heute Gemeinde Kobern-Gondorf (Kreis Mayen-Koblenz), erstreckt sich auf einer Länge von rund dreihundert Metern ein großes spätantikes und frühmittelalterliches Gräberfeld. Es dürfte einen Gesamtbestand von etwa viertausend Gräbern umfasst haben und ist vor allem für seine reichhaltigen Grabbeigaben, Sarkophage und einzigartigen Grabsteine aus frühchristlicher Zeit weit über die Region hinaus bekannt. Die bisherigen Funde traten fast alle im 19. Jahrhundert bei privaten Ausgrabungen besonders durch Baronin Angelika von Liebig im Park ihres Schlosses Liebig (ehem. Gondorfer Niederburg) ans Tageslicht. Heute liegen sie verstreut in verschiedenen Museen und Sammlungen unter anderem in Bonn, Berlin, Koblenz und Ludwigshafen.

Durch den drohenden Bau eines großen Einkaufsmarktes im Areal des Gräberfelds kam es jetzt durch die Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz, zu einer kleinen archäologischen Testgrabung auf 160 m² Fläche. Etwa 100 Gräber in bis zu vier Schichten übereinander wurden festgestellt. Von diesen waren zwar viele bereits durch die früheren Suchschnitte gestört, etliche seinerzeit übersehene Grabbeigaben und mehrere noch unberührte Gräber mit kompletter Grabausstattung unterstreichen aber die besondere Bedeutung dieses Gräberfeldes, in dem vom Anfang des 4. bis zum Ende des 7. Jahrhunderts sowohl Romanen als auch Franken ihre Toten bestatteten. In die frühe Phase des Gräberplatzes datiert ein römisches Männergrab. Der Tote wurde nordsüdlich ausgerichtet beigesetzt, mit dem Kopf im Norden. Neben den am Fußende abgestellten Tongefäßen für die Speise- und Trankbeigaben fanden sich Überreste der Fußbekleidung des Toten. Die beiden Schuhsohlen waren jeweils mit 85 bis 95 Eisennägeln beschlagen. Die Nägel verliehen dem Schuh mehr Festigkeit und verhinderten den zu schnellen Verschleiß der ledernen Laufsohlen. Die ursprüngliche Sohlenlänge der Gondorfer Römerschuhe von etwa 28,5 cm deutet auf eine heutige Schuhgröße 42 des Verstorbenen hin."
Text: Dr. Cliff A. Jost, Generaldirektion Kulturelles Erbe, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz

Abbildung 5 Gräberfeld - Römisches Körpergrab

Abbildungen: Abb. 1, GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz / M. Gensty
Gondorf. Römisches Körpergrab, 1. Hälfte 4. Jahrhundert. Eisenklammern und -nägel entlang der Grabgrubenwände stammen vom Holzsarg. Am Fußende lagen die mit Eisennägeln beschlagenen Sohlen des Schuhpaars sowie ein Teller mit rotbraunem und ein Becher mit schwarzbraunem Feintonüberzug.

Abbildung 6 Gräberfeld - Überreste röm. Schuhbekleidung

Abb. 2, GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz / D. Bach
Gondorf. Die Überreste der römischen Schuhbekleidung – hier die Sohle des linken Schuhs – wurden für die anschließende Konservierung eingegipst im Erdblock geborgen.

„Römischer Teller im Garten“

Die ehemals selbständigen alten Moselorte Gondorf und Kobern, heute zusammengeschlossen zur Gemeinde Kobern-Gondorf (Kreis Mayen-Koblenz), haben für die Geschichte der Untermosel eine herausragende Bedeutung. Aus archäologischer Sicht wird dies vor allem durch das reichhaltige Fundmaterial dokumentiert, das sowohl für Gondorf (Contrua) als auch für Kobern (Cubrunum) eine bemerkenswerte Kontinuität der Besiedlung von der römischen und christlichen Antike über die Epochenscheide hinweg bis in die fränkisch-merowingische Zeit erkennen lässt.
Bei den bisherigen Funden, die fast alle im 19. Jahrhundert durch private, unsystematische Ausgrabungen zutage kamen, handelt es sich hauptsächlich um Beigaben aus Gräbern, Grabsteine und Sarkophage. Sie stammen aus mindestens vier großen römisch-spätantiken und frühmittelalterlichen Friedhöfen, die sich entlang des Moselufers zwischen der Niederburg von Gondorf und dem alten Ortskern von Kobern erstreckten. Angaben über den exakten Fundort und den Befundkontext der Funde sind allerdings kaum vorhanden, was ihren Erkenntniswert für die Forschung schmälert. Umso wichtiger ist es, dass die Landesarchäologie ihr besonderes Augenmerk auf die noch im Boden verbliebenen Funde richtet, wie dies aktuell in Gondorf geschieht, wo durch den geplanten Neubau eines Einkaufszentrums die weitgehende Zerstörung des großen Friedhofs von Gondorf-Contrua droht (AiD 2, 2014, 50f.)."
Aus einem frührömischen Gräberfeld in Kobern stammt ein kürzlich bei Gartenarbeiten gefundener Teller der sog. Belgischen Ware (Terra Nigra). Zeitlich gehört er in die 1. Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. Seine grauschwarze, in reduzierender Atmosphäre gebrannte und polierte Oberfläche ist ungewöhnlich gut erhalten. Im Zentrum der Innenfläche befindet sich der Namensstempel der Töpferwerkstatt des „Nonico", von dem einige gestempelte Keramikgefäße schon früher in Kobern, aber auch in Mainz, Andernach oder Langres gefunden wurden. Der Koberner Teller war sicher Bestandteil einer Grabausstattung und ist später durch Erosion verlagert worden. Der frührömische Friedhof lag am steilen Berghang südwestlich des heutigen Ortskernes von Kobern. Die zugehörige Siedlung befand sich talwärts nur etwa 100 m entfernt. Nach der Auflassung der Siedlung wurde in den Trümmern das spätantike und frühmittelalterliche Gräberfeld von Kobern-Cubrunum angelegt.
Text: Dr. Cliff A. Jost, Generaldirektion Kulturelles Erbe, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz

Bild 7 Gräberfeld - Frührömischer Teller

Abbildungen: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz/M. Neumann
Kobern-Gondorf. Profil und Aufsicht des frührömischen Tellers aus sog. Terra Nigra, mit 17 cm Randdurchmesser, 1. Jahrhundert n. Chr. Im Zentrum der Stempel des Töpfers „Nonico".

Viele Koberner Bürger bewegt die Frage, kann der Supermarkt gebaut werden? Der Investor und die Gemeindeverwaltung haben vorläufige Pläne entwickelt, die das Denkmalschutzgesetz außer Acht ließen. Jeder kann sich denken, dass Gesetze eingehalten werden müssen. Beispiele aus der Nachbarschaft, z.B. in Winningen zeigen, dass bei der Beachtung des Denkmalschutzgesetzes und im einvernehmlichen Planen mit der Denkmalschutzbehörde durchaus ein Einkaufscenter über dem Gräberfeld gebaut werden kann, wenn die darunterliegenden Gräber geschützt werden. Zu dieser Gemeinsamkeit wurde aber leider bisher kein Weg gefunden.

Rhein-Zeitung 18.05.2013 - Gräberfeld Gondorf

Der beigefügte Artikel der Rhein Zeitung vom 18.05.2013 „Bedeutende Funde bremsen Einkaufszentrum“ bedarf aus heutiger Sicht einiger Klärungen. Wie aus dem Beitrag „Deutschland und Europa schauen auf das Gräberfeld in Kobern-Gondorf“ deutlich wird, sind die Probegrabungen der Archäologen abgeschlossen. Ihre Vermutungen zu der Bedeutung und zum Umfang des Gräberfeldes haben sich bewahrheitet. Dr. Dr. Axel von Berg kommt in dem RZ-Artikel vom 18.05.2013 zu dem Schluss, dass „eine Bauplanung mit Bodenplatte“ wünschenswert sei. Weiter heißt es, „doch die Statik der aktuellen Pläne erlaubt das nicht. In den nächsten Wochen müssen die Planer noch einmal Hand anlegen und mögliche Alternativen suchen“.

Inzwischen sind fast zwei Jahre vergangen. Haben die Planer Alternativen entwickelt, damit die Funde geschützt sind und gleichzeitig mit dem Bau begonnen werden kann?